Cannabis vs. Alkohol
Alkohol gehört seit Ewigkeiten zum Menschen dazu, Cannabis im Grunde auch. Beide tauchen in der Unfallstatistik auf, und das hat eine ganze Welle an Studien angestoßen, die nach dem Zusammenhang suchen. Rund 25 Prozent der Verkehrstoten gehen auf alkoholisierte Fahrer zurück, und Fahrer, die positiv auf Cannabis getestet werden, landen ebenfalls in einer ganzen Reihe von Unfällen. Was beide gemeinsam haben: sie beeinträchtigen die Fähigkeiten am Steuer sofort und dosisabhängig. Der Vergleich Cannabis vs. Alkohol läuft seit Jahren heiß, vor allem mit der Hoffnung, das Stigma rund um Cannabis abzubauen.
Aber das ist nur der Anfang. Dieser Artikel sammelt alles, was zu Cannabis und Alkohol bekannt ist, den beiden Lieblingen und (möglichen) Problemkindern.
Auf einen Blick
- Cannabis ist der Sammelbegriff für alles aus der Cannabispflanze, mit psychoaktiven Stoffen wie THC und therapeutischen wie CBD.
- Der Stoff im Glas heißt Ethanol, macht betrunken und kann süchtig machen.
- Cannabis wird viel mit gesundheitlichen Vorteilen in Verbindung gebracht, manche berichten von Hilfe bei Entzündungen, Anfällen und Angstzuständen.
- Negativ: veränderte Zeitwahrnehmung, schlechte Koordination, mögliche Auswirkungen auf die Hirnentwicklung und Schizophrenie-Risiko.
- Alkohol hat ein paar kuriose Pluspunkte, etwa geringeres Demenzrisiko bei Älteren und geringeres Herzrisiko bei leichtem bis moderatem Konsum.
- Trinken bringt Unruhe, kürzere Aufmerksamkeit und ein wackliges Urteilsvermögen mit sich.
- Alkohol macht stärker abhängig als Cannabis, allerdings steigen die Abhängigkeitsraten bei Cannabis.
- Eine Cannabis-Überdosis ist praktisch unmöglich, tödliche Alkoholüberdosen passieren regelmäßig.
- Alkohol steckt deutlich häufiger hinter Gewalt, häuslicher Gewalt und sexuellen Übergriffen als Cannabis.
Was ist eigentlich was?
Cannabis
Cannabis meint alles aus der Pflanze, in der rund 540 chemische Verbindungen stecken, darunter die beiden Stars Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). THC gilt als der Hauptverantwortliche für den Rausch oder das euphorische Gefühl. CBD dagegen macht nicht high, soll aber therapeutisches Potenzial haben.
Alkohol
Der Alkohol in Schnaps, Bier und Wein heißt Ethanol oder Ethylalkohol, das ist der Stoff, der für den Rausch sorgt. Entsteht, wenn Hefe Zucker aus Getreide, Obst oder Gemüse vergärt. Gilt als Droge, beeinflusst die Körperfunktionen, kann giftig sein und süchtig machen. Laut WHO-Daten zum weltweiten Alkoholkonsum 2019 leben rund 400 Millionen Menschen ab 15 Jahren mit einer Alkoholgebrauchsstörung (AUD), etwa 209 Millionen davon sind abhängig.
In kleinen Mengen entspannt und macht gute Laune, aber Alkohol ist im Kern ein Dämpfer. Heißt: er greift in Denken, Fühlen und Verhalten ein und bremst die Signalübertragung zwischen Gehirn und Körper.
Was passiert beim Mischen?
Beide trüben das Urteilsvermögen, und kombiniert verstärkt sich der Effekt. Blackouts, Erinnerungslücken und mehr Risiko sind drin. Eine Studie von 2011 zeigt, dass chronische Cannabiskonsumenten, die zusätzlich trinken, kognitiv schlechter abschneiden als reine Trinker. Wie schon gesagt: schon ein Stoff allein reicht, um die Motorik einzuschränken, beim Mix wird es richtig heikel. Wer beides parallel konsumiert, fährt laut einer Übersicht von 2013 deutlich schlechter und nimmt tendenziell mehr von beidem, was das Abhängigkeitsrisiko erhöht. Genug Gründe, beides nicht in einen Abend zu packen.
Welches bringt mehr?
Vorteile von Cannabis
Cannabis wird oft genannt, wenn es um Beschwerden geht, die es lindern könnte, und kommt sowohl medizinisch als auch zum Genuss zum Einsatz. Ein paar vielversprechende Punkte:
- CBD, eine Verbindung in Cannabis, wurde in einer Studie von 2012 mit entzündungshemmender Wirkung in Verbindung gebracht und könnte bei neuropathischen Schmerzen helfen.
- Cannabis wurde mit einer Reduktion von Anfällen und ihrer Häufigkeit in Verbindung gebracht.
- Es gibt Hinweise, dass Cannabis bei Depressionen und PTBS helfen könnte. Manche Nutzer berichten auch über positive Effekte bei Angststörungen, sozialer Angst, Panikattacken und Zwangsstörungen (OCD).
- Bei den Nebenwirkungen einer Chemotherapie greifen viele zu medizinischem Cannabis, und einige berichten, dass es Linderung verschaffen kann.
Vorteile von Alkohol
Viele Leute (mich eingeschlossen) staunen, dass Alkohol auch ein paar gesundheitliche Pluspunkte haben soll. ABER er bleibt gefährlich, also Vorsicht.
- Moderater Konsum (1 bis 6 Drinks pro Woche) ist bei Älteren mit einem geringeren Demenzrisiko verknüpft.
- Normalgewichtige Frauen, die leicht bis moderat trinken, legen weniger Gewicht zu und haben ein geringeres Risiko für Übergewicht.
- Regelmäßiges Bier führt eher zum Bierbauch, moderater bis hoher Weinkonsum kann das Gegenteil bewirken.
- Leichter bis moderater Alkoholkonsum ist mit einem geringeren Risiko für mehrere Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden.
Was richtet mehr Schaden an?
Risiken von Cannabis
Cannabis ist nicht tödlich, schadet Körper und Kopf aber trotzdem. Nicht alle finden die Wirkung angenehm. Manchmal kommen Angst, Panik oder Paranoia, und das Risiko für klinische Depression kann steigen, vorhandene psychische Probleme können sich verschärfen.
Kurzfristige Effekte
Die unmittelbaren Effekte sind individuell, das hier kommt aber oft vor:
- Koordinationsprobleme
- Eingeschränktes Denken
- Müdigkeit
- Veränderte Zeitwahrnehmung
Manche schleppen ein paar Nachwirkungen mit sich rum, etwa Kopfschmerzen, Müdigkeit und Brainfog.
Langfristige Effekte
Die langfristigen Folgen hängen von der Konsumform ab, allgemein gilt:
- Beeinträchtigte Hirnentwicklung, wer in der Jugend konsumiert, wenn das Gehirn noch wächst, riskiert laut einer Studie von 2014 Entwicklungsstörungen.
- Auslöser für Schizophrenie, Cannabis kann bei einigen Menschen die Krankheit triggern, vor allem bei familiärer Vorbelastung.
Risiken von Alkohol
Wie bei Cannabis gibt es kurz- und langfristige Folgen. Die Wirkung von Ethanol teilt sich grob in akut und chronisch. Akut dämpft Ethanol das zentrale Nervensystem (ZNS): Sedierung, lallende Sprache, enthemmtes Verhalten, Euphorie, beeinträchtigte Sinneswahrnehmung und Motorik. Chronisch kann es zu Leberschäden, Abhängigkeit, Gedächtnisproblemen, Blutarmut durch Folsäure- und Eisenmangel, erhöhten Blutfetten und Kardiomyopathie kommen.
Kurzfristige Effekte
Der Rausch fühlt sich bei jedem anders an, die einen werden ruhig, die anderen rastlos. Weitere typische Kurzzeitfolgen:
- Kürzere Aufmerksamkeitsspanne
- Schlechtes Urteilsvermögen
- Eingeschränktes Denken
- Übelkeit und Erbrechen
- Koordinationsprobleme
- Schwindel
Am nächsten Tag kommt fast immer der Kater, je nach Menge mehr oder weniger heftig. Dazu können Kopfschmerzen und Durchfall kommen.
Langfristige Effekte
Wer viel oder lange trinkt, riskiert eine Reihe von Langzeitfolgen:
- Lebererkrankungen, exzessives Trinken kann die Leber chronisch schädigen und die Fähigkeit des Körpers beeinträchtigen, Stoffe abzubauen und zu entgiften.
- Pankreatitis, eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse, die durch viel Alkohol begünstigt werden kann.
- Unfruchtbarkeit, chronischer oder langer Konsum kann die Fruchtbarkeit von Männern und Frauen beeinflussen.
- Magenprobleme, große Mengen reizen den Magen und können zu Geschwüren, Schmerzen und Blähungen führen.
Abhängigkeit und Sucht
Klingt ähnlich, ist aber nicht dasselbe. Abhängigkeit meint körperlich: Entzugssymptome, Toleranz. Sucht ist eine Verhaltensänderung, oft schädlich, im Zusammenhang mit Substanzkonsum. Süchtige verhalten sich irrational, wenn der Stoff fehlt.
Cannabisabhängigkeit, medizinisch Cannabisgebrauchsstörung (CUD), ist deutlich häufiger als Cannabissucht. Die Abhängigkeitsrate liegt bei rund 7 Prozent, weniger als die Hälfte der Alkohol-Rate. Alkoholabhängigkeit kommt auf etwa 15 Prozent, die Suchtrate ist niedriger. In hohen Dosen macht Alkohol süchtig und schadet Gehirn, Herz, Leber, Blut und Knochenmark. Wer wie schnell abhängig wird, hängt von Genetik, Alkoholismus in der Familie und psychischen Erkrankungen wie Depression oder bipolarer Störung ab.
Was macht jetzt also stärker abhängig?
Klare Antwort: Alkohol macht stärker abhängig als Cannabis. Mit der zunehmenden Legalisierung von Cannabis steigen allerdings auch die Abhängigkeitsraten.
Todesfälle
Alkohol ist meistens nicht tödlich, kann es bei Exzess oder Komasaufen aber sein. Die US-Gesundheitsbehörde CDC berichtet von über 36.000 Toten pro Jahr in den USA durch chronischen Alkoholkonsum, dazu Tote durch Alkoholvergiftung, während es noch nie eine tödliche Cannabis-Überdosis gab. Zur Einordnung: ein typischer Joint enthält etwa ein halbes Gramm. Heißt: man müsste 238 bis 1.113 Joints am Tag rauchen, um eine Überdosis zu erreichen. Eine Studie von 2015 in Scientific Reports zeigte, dass das Sterberisiko bei Cannabis rund 114-mal niedriger ist als bei Alkohol.
Auswirkungen auf die Gesellschaft
Paare, die Cannabis konsumieren, erleben in den ersten neun Ehejahren weniger Gewalt. Vor allem Männer, die kiffen, üben am seltensten Partnergewalt aus. Bei Alkohol läuft es andersrum. Ein Artikel von 2003 stellte fest, dass Alkohol die Droge mit den meisten Belegen für einen direkten Zusammenhang zwischen Rausch und Gewalt ist. Alkohol trägt auch zur Entstehung von häuslicher Gewalt und sexuellen Übergriffen bei. Das heißt nicht, dass Alkohol diese Taten verursacht, aber er macht sie wahrscheinlicher. Das Rape, Abuse, and Incest National Network (RAINN) nennt Alkohol als die am häufigsten verwendete Substanz bei sexuellen Übergriffen.
Unterm Strich
Cannabis und Alkohol haben beide ihre Fans. Cannabis wird viel für seine berichteten Vorteile gelobt, besonders im Wellness-Bereich, Alkohol ist dagegen vor allem für seine Schattenseiten bekannt. Trotzdem haben beide Stoffe Vor- und Nachteile. Keiner ist nur gut, keiner nur schlecht. Wie die Erfahrung ausfällt, hängt von Menge, Häufigkeit, allgemeiner Gesundheit und Toleranz ab, jeder Körper tickt anders. Kurz und knackig: Cannabis schneidet tendenziell sicherer ab als Alkohol, der eher mit Sucht, Todesfällen, Gewalt und sexuellen Übergriffen in Verbindung gebracht wird.